DEMAND SIDE MANAGEMENT

Pünktlich auf die Minute

Am Flughafen Stuttgart erprobt Holm Wagner ein neues Konzept: Mit „Demand Side Management“ sollen die Terminals zu einer Stütze der Energiewende werden.

Ein grauer Freitag im Februar. Im Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens ist es mittags relativ ruhig, nur vereinzelt warten Urlauber mit leichter Kleidung und schwerem Gepäck auf ihren Flug in die Sonne. Frieren müssen sie auch bei winterlichen Außentemperaturen nicht, dafür sorgt Holm Wagner. Der 64-jährige Diplomingenieur leitet das technische Gebäudemanagement des gesamten Flughafens, der mit mehr als 10 Millionen Passagieren zu den sechs größten in Deutschland gehört. Der Flughafen wächst, zuletzt mit acht Prozent pro Jahr – und trotzdem sollen die nicht aus dem Luftverkehr stammenden Kohlendioxidemissionen nicht ansteigen. Durch klimaneutrales Wachstum soll Stuttgart einer der nachhaltigsten Flughäfen in Europa werden.

Energiewende

Seit kurzem erproben die Schwaben daher ein neues Konzept: „Demand Side Management“ heißt es, auf Deutsch mit „Regelung der Nachfrageseite“ zu übersetzen. Dahinter steckt die Idee, die schwankende Energieproduktion aus Sonne und Wind dadurch auszugleichen, dass die Stromnachfrage zeitlich variabel gestaltet wird. Wo immer möglich, sollen Verbraucher dann ans Netz gehen, wenn ohnehin Strom im Überfluss vorhanden ist. Energiewirtschaftlich wird solches Verhalten belohnt: Wenn Unternehmen ihre Stromnachfrage zu verschieben bereit sind, können sie diese Energiemenge als sogenannte Sekundär- oder Minutenreserve vermarkten. Der Anbieter wird in diesem Verfahren dafür finanziell belohnt, dass er Kapazität zur Verfügung stellt – unabhängig davon, ob diese tatsächlich genutzt wird. Der Übertragungsnetzbetreiber kann solche Reservekapazitäten kaufen und bei Bedarf abrufen, anstatt fehlenden Strom aus erneuerbaren Quellen durch die Mehrproduktion in fossilen Kraftwerken aufzufüllen – indirekt ist Demand Side Management also ein Mittel, um die Kohlendioxidemissionen aus der Stromproduktion zu verringern.

Bislang ist eine solche Vermarktung allerdings nur Großunternehmen vorbehalten, die mindestens fünf Megawatt Reserveleistung anbieten können. „Insgesamt besteht jedoch in Deutschland ein riesiges Potenzial in den Liegenschaften“, erläutert Wagner. Bei der Gebäudeklimatisierung sei es völlig unproblematisch, die Kältekompressoren für eine Viertelstunde stillzulegen. „Das merken Sie gar nicht.“ Das Problem: Selbst bei sehr großen Gebäudekomplexen sind die erzielten Reserveleistungen oft zu gering. Deshalb ist es sinnvoll, dass sich Unternehmen für die Vermarktung solcher Reservekapazitäten zusammenschließen. Ob und wie diese Idee umsetzbar ist, ermitteln die Deutsche Energieagentur und das Land Baden-Württemberg in einem bis Ende 2016 laufenden Pilotprojekt. Der Flughafen Stuttgart war das erste Unternehmen, das sich an dem Projekt beteiligt hat.

Energiewende

In einem ersten Schritt vermarktet der Flughafen Stuttgart seit Jahresanfang zunächst nur die Kapazität der eigenen Notstromaggregate. Die sind ohnehin vorhanden, lediglich die Ansteuerung musste angepasst werden. Wagner sieht darin aber nur den ersten Schritt, bis Mitte des Jahres sollen die Maschinen zur Kälteerzeugung in das Demand Side Management einbezogen sein. Dafür muss deren Regelung, die über ein professionelles Gebäudeleitsystem erfolgt, neu programmiert werden. Die Lastverschiebung soll dann nicht mehr nur als Minutenreserve, sondern als Sekundärreserve angeboten werden, muss also statt in 15 künftig in fünf Minuten in voller Höhe zur Verfügung stehen. „Damit wird Demand Side Management auch wirtschaftlich für uns attraktiver“, sagt Wagner. Für den Schwaben ist zwar die Idee bestechend, Geld dafür zu bekommen, dass man etwas nicht sofort produziert. Wie sich der Markt für abschaltbare Lasten entwickelt, ist für ihn jedoch nicht absehbar. „Wir wollen das aber unbedingt in der Praxis ausprobieren und nicht rein akademischen Studien überlassen“, so Wagner.

Auf Innovation im Bereich Energieeffizienz zu setzen, hat sich für den Flughafen Stuttgart auch in der Vergangenheit gelohnt. So ging 2013 ein neues, gasbetriebenes Blockheizkraftwerk mit einer Leistung von zwei Megawatt in Betrieb. Anders als viele andere wärmegeführte Kraftwerke kommt es auf jährlich fast 7.000 Volllaststunden. Der Grund: Wagner ließ Absorptionskältemaschinen einbauen, die im Sommer aus der Abwärme Kälte erzeugen können. Kälte, die momentan nicht benötigt wird, kann in einem unter einem der Gebäude liegenden Eisspeicher und mehreren kleineren Speichern in den Terminals gepuffert werden. Wer also im Sommer in Stuttgart abfliegt oder landet, muss keine Angst haben, ins Schwitzen zu kommen. Auch dann nicht, wenn die Kältemaschinen zeitweise vom Netz genommen werden.

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Autor: Johannes Winterhagen, Fotos: Matthias Haslauer