ENERGIEAUTARKIE IN DER MONTE ROSA-HÜTTE

Jenseits des Gletschers

Abgeschnitten von der Zivilisation liegt die Monte Rosa-Hütte in den Schweizer Bergen. Ist in einer solchen Lage Energieautarkie möglich? Mit moderner Technik haben Peter Planche vom Schweizer Alpen-Club und die ETH Zürich ein Experiment gestartet.

Der letzte Anstieg hat es noch mal in sich. Wir haben bereits einen vierstündigen Fußmarsch und zwei Gletscherquerungen hinter uns. Jetzt gilt es, vom Fuße des Grenzgletschers hinauf zur Monte Rosa-Hütte zu gelangen. Sie liegt auf einem kleinen Plateau in 2.883 Metern Meereshöhe, zwischen Matterhorn und Dufourspitze, dem mit 4.634 Metern höchsten Berg der Schweiz. Die 400 Höhenmeter zur Hütte führen über einen steilen Fels. Unser Anführer Peter Planche, 74 Jahre alt, steigt zügig voran. Der Schweizer aus Brig, der in seinem Leben schon 48 Viertausender bezwungen hat, ist beim Schweizer Alpen-Club (SAC) verantwortlich für die Monte Rosa-Hütte. „Das ist hier ein Experiment“, erklärt Planche. „Kann eine Berghütte mit 120 Übernachtungsplätzen in einer so entlegenen Gegend autark betrieben werden – und dennoch ein Höchstmaß an Komfort für die Gäste bieten?“

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Diese Frage stellten sich vor einigen Jahren auch Wissenschaftler der ETH Zürich. „Die Hochschule wollte zeigen, dass es möglich ist, ein autarkes Gebäude fernab der Zivilisation zu bauen und zu betreiben“, berichtet Planche, der damals Präsident der Sektion Monte Rosa war. Nach intensiver Suche fiel 2008 die Entscheidung für einen Neubau der Monte Rosa-Hütte, vor allem wegen der besonderen Lage im Gletschergebiet. Insgesamt 4,3 Millionen Franken sammelte die ETH an Sponsorengeldern ein, der SAC beschaffte weitere 2,2 Millionen. Denn der 2009 eröffnete Neubau war teuer: „Wir mussten das ganze Baumaterial und die komplette Haustechnik mit dem Helikopter ins Gebirge fliegen“, berichtet Planche. Von einem kleinen Umschlagplatz oberhalb von Zermatt starteten während der Bauzeit 3.000 Flüge. Die Hubschrauber konnten am Bauplatz noch nicht mal landen. Planche schmunzelt: „Die Helikopter haben uns den Baukran ersetzt.“

Wir nähern uns dem Refugium, das schon von außen mit seiner bizarren, kantigen Form sehr ungewöhnlich aussieht. Die Außenwände bestehen aus einer gedämmten Holzkonstruktion und sind mit Aluminium verkleidet. Große Fensterfronten nach Südwesten fangen die Sonnenwärme ein. Schwarz glänzt die Südostfassade – sie besteht fast vollständig aus Photovoltaik-Paneelen, die 90 Prozent des Strombedarfs abdecken. Als Speicher dienen 48 Akku-Elemente. „Das Konzept geht auf, weil wir sehr effizient den Strom verwenden“, sagt Planche, als wir erschöpft auf der Holzterrasse sitzen. „Wir haben beispielsweise im ganzen Haus Energiesparlampen mit Bewegungsmeldern installiert und hocheffiziente Haushaltsgeräte angeschafft – zum Kühlen, Spülen und Waschen.“

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Wenn doch einmal längere Schlechtwetterperioden kommen, übernimmt ein mit Diesel oder Rapsöl betriebenes Blockheizkraftwerk die Stromproduktion; mit der Abwärme wird dann zusätzlich das Wasser erwärmt. Normalerweise aber wird es von Solarkollektoren erhitzt und in zwei 500-Liter-Pufferspeichern vorgehalten. Zum Heizen erwärmt das Warmwasser die Luft für die Lüftungsanlage. Das Frischwasser kommt aus einer unterirdischen, 200 Kubikmeter fassenden Kaverne; sie sammelt Regen- und Quellwasser, das anschließend in einer UV-Anlage entkeimt wird. Eine Abwasseranlage reinigt den Rückfluss aus Küche und Toiletten. Alle Systeme sind mit einer zentralen Steuerungssoftware verbunden, die nicht nur einen direkten Zugriff auf die Anlagen, sondern auch eine Fernwartung rund um die Uhr ermöglicht. „Das ist sehr wichtig hier oben“, sagt Planche. „Wir können ja nicht für jede Kleinigkeit einen Techniker einfliegen.“

Probleme gab es durchaus in den vergangenen sechs Jahren. „Am Anfang wurden wir von unserem eigenen Erfolg überrascht – unsere Hütte zählte bis zu 11.000 Übernachtungen“, schildert Planche. Das war zu viel für einen Betrieb, der ohnehin nur das halbe Jahr geöffnet hat. Das Wasser wurde knapp, die Solaranlagen konnten nicht genug Strom produzieren. „Inzwischen haben wir jährlich 7.000 Übernachtungen – damit kommen unsere Anlagen gut zurecht.“ Planche weiss, dass es absolute Autarkie nicht gibt – mit dem Helikopter müssen Lebensmittel, Ersatzteile und Kraftstoff eingeflogen und Abfälle ausgeflogen werden. Und dennoch ist er davon überzeugt, dass seine Hütte den größtmöglichen Grad an Unabhängigkeit erreicht hat – im Monte Rosa-Massiv, zwischen majestätisch dahinfließenden Gletschern und schneebedeckten Gipfeln.

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Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer