ENERGIEMANAGEMENT IN DER PRODUKTION

Alles im Fluss

Abwärme entsteht in der Produktion von Endress+Hauser reichlich. Energiemanager Pascal Meury nutzt sie, um Warmwasser aufzubereiten und um im Winter zu heizen. Aber das ist nur ein Baustein in seinem Effizienz-Plan, der alle Mitarbeiter einbezieht.

Pascal Meury sitzt in einem Konferenzraum und versucht sich einzuloggen. Der Energiemanager bei Endress+Hauser im schweizerischen Reinach will sein Energiemonitoring-System anhand einer Datei erklären. Doch die Tastatur reagiert nicht. Auch ein zweiter Versuch bleibt erfolglos. Dann aber kommt Meury der Grund dafür in den Sinn: „Ach ja, ich muss sie erst manuell wieder einschalten. Diese Tastatur wird nicht häufig benutzt, so dass sie nicht dauernd im Standby-Betrieb laufen muss.“ Für Meury ist das keine Kleinigkeit: „Alleine wenn wir dort, wo es möglich ist, die Computer und Monitore nach Feierabend ganz ausschalten, können wir jedes Jahr 200.000 Kilowattstunden Strom einsparen – genug, um 40 Einfamilienhäuser zu versorgen.“

Energietransparenz

Bei Endress+Hauser Flowtec in Reinach entwickeln und fertigen rund 1.000 Mitarbeiter Durchfluss-Messgeräte, zum Beispiel für Chemiewerke, Lebensmittel-Abfüllanlagen oder kommunale Wasserversorger. Der jährliche Stromverbrauch summiert sich auf fast neun Gigawattstunden. „Als ich Anfang 2015 als Energiemanager anfing, war mein erster Auftrag, hier die internationale Energiemanagement-Norm ISO 50001 einzuführen“, berichtet Meury. „Unser Ziel war dabei, die zahlreichen Maßnahmen, die hier schon seit vielen Jahren umgesetzt wurden, unter einem Dach zusammenzuführen und nach innen und nach außen sichtbar zu machen. So wollen wir nicht zuletzt bei den Mitarbeitern ein Bewusstsein für den effizienten Umgang mit Energie schaffen.“

Mit deren Ideen konnte Meury bereits neue Projekte realisieren und bestehende Installationen optimieren, so bei der Wärmerückgewinnung. Abwärme ist reichlich vorhanden in der Produktion. Sie entsteht etwa in den großen und mehr als 1.000 Grad Celsius heißen Öfen, in denen die Lötstellen von Rohren behandelt werden. Die Abwärme der Produktionsanlagen wird über einen Wasserkreislauf zu einer großen Kältemaschine mit 550 Kilowatt Leistung geführt, die im Keller steht und dem Wasser die Wärme entzieht – das kältere Wasser fließt dann wieder zu den Anlagen, um diese zu kühlen. Im Winter wird die Abwärme der Kältemaschine genutzt, um Heizungswasser aufzubereiten, das in einem 5.000-Liter-Tank gespeichert werden kann. Darüber hinaus gewinnt Endress+Hauser in mehreren Produktionshallen die Wärme aus der Raumluft über Wärmetauscher in der Lüftung und einer weiteren, mit Wärmerückgewinnung ausgestatteten Kältemaschine zurück. „Wir arbeiten uns mit jeder Modernisierung oder Ausbaumaßnahme schrittweise vor“, berichtet Meury. „Bereits jetzt können wir im Winter unser neuestes Gebäude, das etwa ein Viertel der gesamten Energiebezugsfläche ausmacht, überwiegend mit Abwärme beheizen.“ Zwei Pelletöfen mit je 200 Kilowatt Leistung sorgen zudem dafür, dass in diesem Gebäude nur noch in Ausnahmefällen fossiler Brennstoff benötigt wird.

Energietransparenz (2)

Meury ruft eine Datei auf, auf der alle weiteren Maßnahmen zu sehen sind, die in letzter Zeit umgesetzt wurden. Etwa die Wärmepumpen-Boiler für Prozesswasser, das in der Produktion benötigt wird und 60 Grad Celsius heiß sein muss. „Das haben wir bislang zentral über einen Elektroboiler aufgewärmt“, sagt er. Die neuen Boiler nutzen die Abwärme aus den Produktionsanlagen und benötigen 80 Prozent weniger Strom. Oder die LED-Leuchten, die bei jeder Modernisierung installiert werden. „Die amortisieren sich schon nach zweieinhalb Jahren. Denn wir betrachten nicht nur die Energiekosten, sondern auch die Wartungskosten, die bei LEDs deutlich niedriger sind.“

Den größten Effekt sieht Meury aber in der Betriebsoptimierung, die mit Hilfe von rund 500 Messgeräten am Standort und eines online abrufbaren Energiemonitoring-Systems möglich geworden ist. „Die Messtechnik, die wir bei unseren Kunden installieren, hilft uns auch im eigenen Betrieb. Damit können wir überprüfen, ob wir tatsächlich von den richtigen Annahmen ausgehen“, sagt er. „Häufig arbeitet man ja mit Alltagstheorien, die sich dann als falsch herausstellen.“ Mit dem Energiemonitoring kann er beispielsweise die Sollwerte der Energieflüsse überwachen, als effizient geltende Anlagen überprüfen, Stromfresser lokalisieren und mit dem Gebäudeleitsystem eingreifen, wenn etwa der Stromverbrauch unerwartet ansteigt. Neben Strom, Wärme, Kälte und Lüftung behält der Energiemanager auch die Versorgung mit den Industriegasen Stickstoff und Argon im Auge. „Damit habe ich das perfekte Werkzeug für meine Arbeit an der Hand“, sagt Meury.

Mit regelmäßigen Schulungen sorgt Meury dafür, dass das auch bei seinen Kollegen ankommt. „Jeder hier am Standort sollte wissen, dass wir auf den Energieverbrauch schauen. Denn jeder kann dazu beitragen, ihn zu senken – im Kleinen wie im Großen.“ Schon während seiner Ausbildung zum Elektromonteur und während seines Bachelorstudiums der „Life Science Technologies“ spielte Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle für Meury. „Effizienz bedeutet, eine Sache besser zu machen, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Mit Technologien für mehr Effizienz können wir dafür sorgen, dass auch die kommenden Generationen so leben können, wie wir leben dürfen.“ Auch wenn dafür mal eine Tastatur nicht gleich ihren Dienst tut.

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Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer