ENERGIEAUTONOMIE

Azorenhoch

Graciosa, die Liebliche, ist die zweitkleinste Insel der Azoren. An das Stromnetz war das Eiland mitten im Nordatlantik nie angeschlossen. Jetzt strebt die Insel nach Energieautonomie: Dazu ersetzt Duarte Silva die Dieselgeneratoren durch Windkraft, Sonne und einen großen Batteriespeicher.

Für die letzte Etappe nach Graciosa müssen Reisende auf der Nachbarinsel Terceira in eine kleine Propellermaschine steigen. Dann geht es in nur 20 Minuten auf die zweitkleinste Insel der Azoren – einem Archipel mitten im Atlantik, etwa 1.400 Kilometer westlich von Portugal und 4.400 Kilometer östlich von Nordamerika. An Bord der Maschine sind viele Bewohner und wenig Besucher: Eine ältere Dame kommt gerade von einer Zahnbehandlung auf der Hauptinsel zurück, eine Gruppe Vierzehnjähriger von einem Fußballspiel. Seit einiger Zeit fliegen hier aber auch immer wieder Ingenieure mit – wie der junge Elektroingenieur Duarte Silva. Er wuchs auf Graciosa auf, studierte in Porto und kehrte für ein großes Projekt auf seine Heimatinsel zurück: die Energiewende auf Graciosa. „Wir haben hier die Chance, etwas Grundlegendes zu verändern. Graciosa soll künftig völlig autonom den Großteil ihrer Energie regenerativ erzeugen“, sagt Silva mit offenkundiger Begeisterung. Vergleichbare Projekte gab es zwar auch schon auf anderen Inseln, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Stets sind diese Inseln per Kabel mit dem Festland verbunden – und damit nicht wirklich energieautark, weil das Netz auf dem Festland stabilisiert wird. Nicht so auf Graciosa.

Bis Sommer 2016 war Silva als Projektmanager am Aufbau der Anlagen beteiligt. Dann erhielt er von der Betreiberfirma Graciólica – die vom Initiator des Projekts, dem Berliner Systementwickler Younicos gegründet worden war – das Angebot, als Betriebsleiter auf der Insel zu arbeiten. „Eigentlich wollte ich ins Ausland gehen. Aber als ich das hörte, konnte ich nicht nein sagen. Das hier ist ja meine Insel“, berichtet Silva. Obwohl ihm die Rückkehr nicht unbedingt leicht fiel. „Ich musste schon einen Moment überlegen, denn ich habe ja auf dem Festland studiert und die Welt dort kennengelernt. Das Leben hier ist schon anders.“ Graciosa hat gerade einmal 4.200 Einwohner, die hauptsächlich von Fischfang und Viehhaltung leben – auf Graciosa gibt es mehr Kühe als Menschen.

Silvas neuer Arbeitsplatz befindet sich außerhalb des Hauptortes Santa Cruz direkt neben den alten Dieselgeneratoren in einem unscheinbaren, mit grauen Verbundplatten verkleideten Neubau: der „Batteriezentrale“. In sieben Kilometern Entfernung, im Bergland der Insel, stehen fünf Windräder mit einer installierten Gesamtleistung von 4,5 Megawatt. Der dort erzeugte Strom wird mit einer Spannung von 15 Kilovolt zur Batteriezentrale geleitet. In direkter Nachbarschaft breitet sich zur Küste hin eine Photovoltaik-Anlage aus, die ein weiteres Megawatt beisteuert.

Bei einem Strombedarf der Insel von maximal 2,3 Megawatt Last soll die installierte Leistung ausreichen, um im Regelfall die Nachfrage direkt zu decken. Überschüssiger Strom wird in den Batteriepark geleitet, der aus 760 Lithium-Ionen-Modulen besteht und eine Kapazität von 3,2 Megawattstunden hat. „Wir erwarten, dass wir damit im Jahresschnitt zwei Drittel unseres Energiebedarfs hier mit Wind und Sonne erzeugen und zwischenspeichern können“, sagt Silva. Die bislang eingesetzten Dieselgeneratoren sollen nur noch als Reserve für das verbleibende Drittel dienen. „Das bedeutet auch, dass wir auf einen Großteil unserer Ölimporte verzichten können“, betont Silva. Im Lauf von 20 Jahren sollen 51 Millionen Liter Dieselöl und 134.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Stattdessen kauft der örtliche Versorger Electricidade dos Açores jetzt den auf der Insel produzierten Strom von der Betreiberfirma Graciólica ein.

Strategischer Partner von Graciólica ist das Unternehmen Younicos mit Sitz in Berlin und Austin (Texas), das an intelligenten Stromnetzen in Verbindung mit Batteriespeichern arbeitet. Younicos organisierte von Berlin aus nicht nur Gesamtprojekt und Finanzierung, sondern entwickelte auch die intelligente Leistungssteuerung und das Energiemanagementsystem. Denn weil die Insel nicht in ein übergreifendes Stromnetz eingebunden ist, muss die Netzsteuerung zur schwankungsfreien Stromversorgung in einem sogenannten Microgrid vor Ort erfolgen. Um wirklich sicher zu gehen, errichteten und erprobten die Younicos-Ingenieure im Vorfeld des Projekts die Anlage für Graciosa im Maßstab von 1:3 im firmeneigenenen Technologiezentrum in Berlin-Adlershof.

„Graciosa ist ein weltweit beachtetes Pionierprojekt. Wir zeigen erstmals, dass man mit der Kombination von Erneuerbaren und intelligenter Batterie den Diesel wirklich nur noch für ganz schlechte Tage braucht – und gleichzeitig ein besseres und günstigeres Netz bekommt“, sagt Philip Hiersemenzel, Sprecher von Younicos. Er rechnet damit, dass die Batteriesysteme bald auch auf anderen Inseln eingesetzt werden, die über kein Stromkabel zum Festland verfügen. Sein wichtigstes Argument: „Anders als zum Beispiel Pumpspeicherwerke sind Batteriespeicher flexibel und überall einsetzbar. Graciosa ist ein Modell für alle entlegenen Regionen dieser Welt.“

Duarte Silva hat das Projekt auf seine entlegene Azoreninsel zurückgeführt. Zwei Molkereien gehören zu den wenigen Industriebetrieben, die am Stromnetz hängen; in den Inselläden verkaufen sie ihren köstlichen Käse. Touristen gibt es wenige – diejenigen, die kommen, schätzen die Abgeschiedenheit und unternehmen Wanderungen, etwa zum riesigen Vulkankrater „Furna do Enxofre“, in dessen nach Schwefel riechende Kraterhöhle der Besucher hinabsteigen kann. Graciosa ist ein Mikrokosmos – und zeigt im Kleinen, was auch im Großen der Energiewende zu Erfolg verhelfen kann: die Verbindung von Ökostrom, Speichertechnologien und intelligenter Steuerung.

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Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer