Umweltschonende Lackiererei

Werk in der Wildnis

Mit ihren Ressourcen effizient zu wirtschaften, ist für die Menschen in Nordschweden seit Generationen selbstverständlich. In der Lackiererei von Bosch Rexroth haben Jürgen Lieser und sein Team sich das als Beispiel genommen.

Hoch im Norden, im Norrland, kommt der Reisende in eine Gegend, die das Klischee von Schweden nahezu perfekt bedient. Hier stehen dichte Wälder aus nicht mehr allzu hohen Kiefern und Birken; die Landschaft mit ihren vielen Seen ist bis weit in den Frühling hinein tief verschneit, und die pittoresken Holzhäuser in den Gehöften und Siedlungen sind meist im typischen Schwedenrot bemalt. In diesem dünn besiedelten, weiten Land ist der Polarkreis nicht mehr fern; die Menschen wissen hier seit vielen Generationen, dass vorausschauendes Planen und sozialer Zusammenhalt überlebenswichtig sein können. Vor allem aber sind sie es gewohnt, mit ihren wertvollen Ressourcen nachhaltig und effizient zu wirtschaften.

Bosch Rexroth Schweden

Vor anderthalb Jahren kam der promovierte Maschinenbauer Jürgen Lieser aus der chinesischen Millionenmetropole Changzhou hierher, um die Leitung des Bosch Rexroth-Werks in Mellansel zu übernehmen. Gefertigt werden hier Hägglunds-Hydraulikmotoren, die extrem hohe Drehmomente von bis zu 2,1 Millionen Newtonmetern leisten und mit ihrer Herkuleskraft zum Beispiel in Papiermühlen, Zuckermühlen und Schaufelradbaggern zum Einsatz kommen. Die Mitarbeiter sind stolz auf ihre Motoren „Made in Mellansel“, die vor Ort nicht nur produziert, sondern auch im charakteristischen Hägglunds-Rot lackiert werden. Als Lieser seinen Dienst antrat, präsentierten sie ihm gleich ein großes Projekt: Die Lackiererei sollte grundlegend umgebaut und zu einer der umweltfreundlichsten Anlagen in ganz Europa werden.

Zunächst war Lieser skeptisch. „Meine erste Reaktion war, zu fragen: Was wird das?“, berichtet er. „Schließlich hatten wir einen laufenden, eingespielten Betrieb und noch wenig Know-how im Umgang mit den neuen, komplexen Lackiereinrichtungen.“ Doch schnell war er von der Idee fasziniert und legte seine Bedenken ab. „Ein engagiertes Team hatte drei Jahre lang die Maßnahme vorbereitet und zeigte mir, welche enormen Chancen in der neuen Anlage stecken.“ So wurde er zum Fürsprecher der Umstellung und entschied sich für ein konsequentes Vorgehen. „Nachdem wir alle Optionen geprüft hatten, war klar, dass wir in einem Schritt umstellen. Wir entschieden uns gegen einen Parallelbetrieb und schalteten mit dem Start der neuen Lackiererei zum Jahreswechsel 2013/2014 die bisherige, 30 Jahre alte Anlage ab.“

Bosch Rexroth Schweden

Danach war alles anders, denn die neue Anlage wurde in allen wesentlichen Prozessschritten auf Effizienz ausgelegt. Eine Wärmepumpe versorgt die Waschanlage, in der die Hydraulikmotoren vorbehandelt werden. Sie entnimmt dafür in 13 Metern Tiefe Wasser vom Grund des benachbarten Sees und erhitzt über Wärmetauscher das Waschwasser auf 55 Grad Celsius. Das eigentliche Lackieren erfolgt in geschlossenen Kabinen von drei mal vier Metern, um Heizenergie zu sparen. Dabei werden die Motoren im Niederdruckverfahren lackiert, um so wenig Farbe zu verbrauchen wie möglich; zudem werden jetzt wasserlösliche Lacke verwendet, um die Umwelt zu entlasten. Für das anschließende Trocknen benötigt die Anlage keine Warmluft mehr, sondern lediglich Raumluft, die in hoher Geschwindigkeit über die dünne Farbschicht geblasen wird. Und für das Kühlen der Motoren am Ende des Prozesses wird in der kalten Jahreszeit die Außenluft genutzt.

Die Ingenieure von Bosch Rexroth gingen noch einen Schritt weiter. „Unsere Motoren sind sehr unterschiedlich. Die kleinsten haben einen Durchmesser von weniger als einem halben Meter, die größten kommen auf das Dreifache“, schildert Lieser. Deswegen wurden sämtliche Motoren mit einem RFID-Chip ausgerüstet, so dass die Anlage für jeden einzelnen Motor das optimale Programm ausführen kann. Das hat noch einen angenehmen Nebeneffekt: „Da der Chip ein Leben lang am Motor bleibt, legen wir damit die Basis für zukünftige Industrie 4.0-Anwendungen.“

Unterm Strich konnte das Team von Bosch Rexroth den Energieverbrauch im Vergleich zur alten Anlage um 75 Prozent senken. „Die Kollegen hier sind stolz auf diese Lackiererei“, berichtet Lieser. „Denn sie wissen aus Überzeugung: Wenn ich mich nicht umweltkonform verhalte, dann schade ich der Gemeinschaft.“ Eine sehr moderne Haltung in dieser abgelegenen Gegend, hoch im Norden.

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Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer