BATTERIESPEICHER IM PRIVATHAUS

Die Villa

Energiekosten von jährlich 1.000 Euro für 470 Quadratmeter Wohnfläche? Klaus Geyer zeigt, dass das möglich ist. Mehr noch: Ein Batteriespeicher sorgt dafür, dass ein großer Teil des selbst produzierten Stroms direkt vor Ort genutzt werden kann.

Im Gartenteich ziehen etwa ein Dutzend Koi-Karpfen ihre Runden. Die Haltung dieser wertvollen, aus Japan stammenden Fische ist eine aufwändige Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl verlangt. Oder viel Erfindergeist. Klaus Geyer, Chef der Firma Klaus Geyer Elektrotechnik, entschied sich für den Erfindergeist. Das liegt sicher auch an seinem Auftraggeber: Bauherr Bernd Kappler, der im Hauptberuf unter anderem Elektronikkomponenten für die Luft- und Raumfahrt entwickelt, tüftelt auch privat gerne an außergewöhnlichen Lösungen. Etwa für das Wasser des Koi-Teichs: Mit überschüssiger Solarthermie haben die Tiere im Sommer stets 20 Grad warmes Wasser. Im Winter wird die Temperatur heruntergeregelt, damit die Fische ihren Winterschlaf halten können. Per Smartphone und App überwachen Geyer und Kappler dabei stets Wassertemperatur, Füllstand und Wasserdurchfluss. Und damit sich kein Graureiher oder ein anderer Räuber an den Karpfen zu schaffen macht, arbeiten die beiden derzeit an einer automatischen Vogelscheuche: Eine Kamera erfasst das Umfeld, eine Elektronik wertet Auffälligkeiten aus und steuert eine Wasserdüse im Teich, die im Alarmfall den Angreifer mit einer Wasserfontäne straft.

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Mit der im asiatischen Stil erbauten Villa in einer kleinen, nicht einmal 3.000 Einwohner starken Gemeinde in Thüringen zeigt Geyer, wohin regenerative Energieerzeugung, ausgeklügelte technische Lösungen für Energieeffizienz und größtmögliche Gebäudeautomation führen können. „Energiekosten entstehen für das Haus mit 470 Quadratmetern Wohnfläche nur noch für die mit Öl betriebene Brennwertheizung“, berichtet Geyer. „Und die liegen mit etwa 1.000 Euro pro Jahr gemessen an der Wohnfläche sehr niedrig.“ Etwa, weil die dreifach verglasten Fenster des rund 125 Quadratmeter großen Wohnbereichs genau nach Süden ausgerichtet sind und Aluminiumlamellen zwischen den Scheiben die Sonneneinstrahlung in den Wohnbereich „verlängern“. „Dadurch bekommen wir einen Treibhauseffekt“, erläutert Geyer. Das warme Wasser für Heizung und Duschen erzeugt eine zwölf Quadratmeter große Solarthermie-Anlage auf dem Garagendach in Verbindung mit einem 500 Liter-Pufferspeicher; die Ölheizung dient nur zur Unterstützung. Ist zu viel Wärme vorhanden, wir diese computergesteuert abgeführt – in den Koi-Teich, damit es auch die Karpfen schön warm haben.

Das Highlight des Hauses ist aber die Photovoltaikanlage in Verbindung mit einem Batteriespeicher. „Wir sind bestrebt, möglichst viel der selbst produzierten elektrischen Energie auch direkt vor Ort zu verbrauchen“, erklärt Geyer. Weil das die Netze entlastet, zahlt der lokale Energieversorger für jede produzierte und nicht eingespeiste Kilowattstunde eine Prämie. Auf die Dächer verteilt und sogar im Halbrund einer Wand um den Grillplatz befinden sich 123 PV-Module mit einer Maximalleistung von mehr als 33 Kilowatt. Den Solarstrom, der nicht gleich verbraucht werden kann, speichert Geyer in 24 Hochleistungsbatterien, die einen Energiegehalt von 20 Kilowattstunden haben. Der Rest wird ins Netz eingespeist und bringt einen jährlichen Ertrag von etwa 2.700 Euro. Rechnet man das gegen die Kosten für die Ölheizung, dann entstehen durch das Haus keine Nebenkosten. Es produziert vielmehr einen stattlichen „Nebenertrag“ – bei höchstem Komfort für die Bewohner. Erst kürzlich erhielt Geyer für dieses Projekt den Energieeffizienzpreis Wohngebäude 2016 von ZVEI und ZVEH.

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Freilich ist so etwas nicht ohne Anstrengungen möglich. Etwa zwei Jahre dauerte die Installation der Haustechnik, die zudem eine Investition von rund 300.000 Euro erforderte. „Das kann man alles nicht gleich aufrechnen“, sagt Kappler, der Bauherr. „Aber wir sehen, dass sich Technik für mehr Effizienz auf lange Sicht lohnt.“ Etwa durch keramische Wärmetauscher, die die Energie aus der Abluft zurückgewinnen. Mit viel Freude am Experimentieren entwickelten Kappler und Geyer auch die Beleuchtungsanlage. „Im ganzen Haus gibt es fast keine Lichtschalter. Wenn man durch das Haus läuft, erfassen Präsenzmelder das Bewegungsprofil und dimmen die LED-Leuchten bedarfsweise auf und ab.“ Gibt es doch einmal etwas zu steuern, dann kann der Hausherr das über Smartphone und App tun. Von jedem Standort in der Welt aus kann der Unternehmer jeden einzelnen Raum ansteuern, die Stromproduktion überwachen, Heizung und Klima regeln, Bilder der Kameras im und rund ums Haus aufrufen und Türen, Tore und Fenster öffnen und schließen. Das wichtigste aber: Die Energiedaten werden sekundengenau geloggt. Dadurch vermeiden die beiden Tüftler Energiespitzen und können Produktion und Verbrauch genau aufeinander abstimmen.

Ein Privathaus, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht: In Thüringen ist es Realität. Und es soll ein Beispiel sein: „Die Lösungen, die wir in diesem Haus umgesetzt haben, sollten weitere Verbreitung finden“, meint Geyer und betont: „Was wir hier tun, ist nicht verrückt, sondern es rechnet sich – und das nicht zuletzt auch für die Umwelt.“ Nach seinen Berechnungen liegt die Einsparung bei rund 17 Tonnen CO2 pro Jahr. Was zeigt: Erfindergeist kann sich lohnen.

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Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer